Hier ist einiges anders...

24Okt2019

Nach über 2 Monaten in Südafrika lernt man viele Dinge, die man in Deutschland hat und als selbstverständlich erachtet, sehr zu schätzen. Ein für mich sehr wichtiges Gut ist meine Freiheit, sowie ein Sicherheitsgefühl und genau darum soll es heute gehensmile:
(Vorher möchte ich aber noch sagen, dass dieser Bericht nur MEINE Erfahrungen, Empfindungen und Eindrücke widerspiegelt und keinesfalls ganz Südafrika! Zudem geht es in diesem Bericht um ganze 2 Monate und nicht nur einen 2-wöchigen Urlaub!wink)

 „Safety and Security“- bereits DAS Thema beim Vorbereitungsseminar und auch vor Ort oft präsent in meinem Kopf. Vor meiner Haustür befindet sich ein abgeschlossenes Gitter, die Haustür selbst hat 2 Schlösser und lässt sich von innen nochmals mit 4 Riegeln verschließen. Um aus dem Haus rauszukommen ist man also erstmal eine Weile beschäftigt, aber so weit so gut. In meinem Zimmer habe ich einen so genannten „panic button“ liegen. Wenn ich diesen drücke, steht innerhalb weniger Minuten ein bewaffneter Mann der Securityfirma „HiTec“ vor meiner Haustür. Der Sicherheitsgedanke ist also stets überall zu spüren. Wirklich stören tut mich an dem Sicherheitsproblem allerdings die Tatsache, dass ich mit Einbruch der Dunkelheit nicht mehr alleine draußen herumlaufen sollte. Nach der Arbeit muss ich mich meist etwas beeilen, um noch schnell etwas einkaufen zu gehen oder eine kleine Runde joggen zu gehen, bevor die Sonne untergeht. Am Wochenende laufe ich nur mit Freunden gemeinsam zu einer Party und für den Rückweg rufe ich mir erst recht ein Cab (deutsches Taxi, kostet aber nur ca. 2 Euro) oder nehme notfalls das Fahrrad. Das ist etwas, was ich aus Deutschland einfach nicht kenne. In meiner Kleinstadt denke ich meist gar nicht darüber nach zu irgendeiner bestimmten Uhrzeit nicht draußen herumzulaufen. Doch hier gehört das zu meinem Alltag.

Auch tagsüber achte ich darauf, wo ich meine Wertsachen habe und gehe möglichst immer auf Nummer sicher. Was nicht dringend mit muss bleibt zu Hause. Sobald ich mich in der Dämmerung unsicher fühle, wenn eine Person mir entgegenkommt oder hinter mir läuft, dann wechsle ich mittlerweile automatisch die Straßenseite. Bei Bettlern bin ich generell vorsichtig und wenn mich eine fremde Person von der Seite anspricht, bin ich automatisch etwas misstrauisch, gehe auf Distanz und bin nicht sofort offen und superfreundlich, auch wenn die Person doch nur nach dem Weg fragt. Das finde ich sehr sehr schade. Zu gerne würde ich direkt offen auf die Leute zugehen und den Vorurteilen vom „reichen, egoistischen Weißen“ entgegenwirken, aber das ist manchmal einfach nicht möglich. Es ist traurig, wie ein solch wunderschönes Land von derartig hoher Kriminalität geprägt ist. Aber eigentlich ist das auch kein großes Wunder, wenn ich überlege, dass ich am Morgen in einem Coffee Shop mit lauter weißen Studenten sitze, genüsslich meinen Kaffee schlürfe, weiter in meiner Rosawolkenwelt träume, danach 10 min laufe und im Township das Leben am Existenzminimum sehe. Südafrika ist geprägt durch eine RIESIGE Kluft zwischen Arm und Reich, durch eine drastisch hohe Arbeitslosigkeit (aktuell bei 29% und sie steigt von Jahr zu Jahr) und extreme Gegensätze, die man sich als Europäer eigentlich kaum vorstellen kann. Die Folge: Kriminalität!

Aber nun die Frage: Fühle ich mich sicher?

Jaaaaa! Bis jetzt hatte ich keinen Moment, in dem ich Angst hatte. Grahamstown ist im Allgemeinen eine sehr sehr sichere Stadt im Vergleich zu Johannesburg oder Kapstadt. Kriminalität in Verbindung mit Gewalt gibt es hier so gut wie gar nicht (meistens „nur“ Taschendiebstahl) und tagsüber braucht man sich eigentlich erst Recht keine Sorgen zu machen. Ich tausche mich viel mit anderen Freiwilligen aus PE oder Kapstadt aus und im Vergleich dazu, gibt es so viele Dinge, die ich in Grahamstown unbesorgt machen kann. Darüber bin ich echt sehr froh!laughing

Dieser Post klingt jetzt echt sehr negativ und erweckt vielleicht einen sehr extremen Eindruck, aber all diese Sicherheitsvorkehrungen sind bei mir mittlerweile komplette Automatismen und es ist keinesfalls so, dass ich durch die Stadt laufe und die ganze Zeit Angst vor einem Überfall habe oder ständig darüber nachdenke, wie ich denn mein Handy am besten verstecke.
Alles in allem kann ich aber sagen, dass sich das alltägliche Leben hier schon sehr stark von Deutschland unterscheidet. Ich lerne es zu schätzen in Deutschland tagtäglich jede Sekunde Wasser aus der Leitung und Strom aus der Steckdose zu haben und ich weiß unsere Freiheit/Sicherheit zu schätzen. Aber versteht mich nicht falsch: Ich liebe es diese Erfahrungen machen zu können, sie regen mich zum Nach- und Umdenken an, und ich liebe Südafrika!  Jede Woche, wenn ich während des Sonnenunterganges joggen gehe und über die unendlichen Weiten blicke, dann geht mir einfach nur das Herz auf und ich habe ein riesiges Grinsen im Gesichtlaughing.  Von meinem aktuellen Punkt würde ich sagen: Man muss Südafrika einfach mal erleben und die Kultur hautnah spüren! Dieses eine Jahr hier zu leben ist eine großartige Erfahrung, die ich definitiv nicht hätte verpassen wollen. Ich nehme so viel mit, wie nur irgendwie möglich, ich bin glücklich und einfach sooo dankbar für diese Chancesmile.

Ansonsten geht es für mich dieses Wochenende wieder nach PE zu einem Treffen mit meinem Mentor Jonas (Das Thema: Safety and Security. Was für ein Zufalltongue-out) und übernächstes Wochenende geht es mit allen Eastern Cape Freiwilligen auf einen 3-tägigen Trip nach Plettenberg Baycool. Die Vorfreude ist riiiiesiglaughing!